Karate zur Selbstverteidigung und Bunkai

Ist Karate für die Selbstverteidigung überhaupt geeignet?

Oft wird behauptet, das Karate nicht zur Selbstverteidigung geeignet ist. Für Sportkarate – der populären Version von Karate, der man auch auf Meisterschaften und Turnieren begegnet – trifft das zum Teil auch zu. Denn beim Wettkampf orientierten Karate geht es um die Einhaltung von Regeln und Formen sowie um die Vergabe von Punkten. Im traditionellen Karate stand seither die Verteidigung im Mittelpunkt. Einer von zwanzig Karate Grundsätzen des Meisters Funakoshi Gichin lautet:

"Karate Ni Sente Nashi – Karate ist ohne Angriff"

Dieser Grundsatz besagt, dass es beim Karate nicht um Angriff, sondern um Verteidigung geht. Unsere Karate-Stilrichtung Wado-Ryu bedeutet soviel wie "Schule der Harmonie" oder "Weg des Friedens". Harmonie und Frieden kann es aber erst wieder geben, wenn ein Kampf beendet ist. Daher ist es das wichtigste Ziel der Selbstverteidigung im Karate einen Kampf zu verhindern oder ihn zumindest umgehend zu beenden. 

Neben den Grundtechniken – dem Kihon Waza – lernt man im Karate auch Kata. Kata bedeutet Form oder Gestalt und es handelt sich dabei um Abfolgen von vorgeschriebenen Techniken gegen einen imaginären Gegner. Bei uns im Verein bzw. in unserer Stilrichtung Wado-Ryu lernen wir 15 Katas: Pinan Nidan, Pinan Shodan, Pinan Sandan, Pinan Yondan, Pinan Godan, Kushanku, Naihanchi, Chinto, Seishan, Bassai, Jion, Jitte, Niseishi, Wanshu und Rohai. Einige dieser Katas sind viele hundert Jahre alt und sie enthielten oft das gesamte Wissen eines Meisters. Viele Katas haben ihre Wurzeln in verschiedenen ostasiatischen Kampfkünsten, denn das ursprüngliche Tode aus Okinawa vermischte sich mit Einflüssen aus den äußeren chinesischen Kampfkünsten wie Shaolin Quanfa (Kung Fu) oder den inneren des Qigong wie Taijiquan (Tai Chi Chuan). Shaolin Quanfa wurde auf Okinawa auch als Shorin-Ryu bezeichnet. Im Falle von Wado Ryu – das vom Wado-Ryu Gründer Hironori Otsuka in Japan weiterentwickelt wurde – kommen auch Techniken aus dem Shindo Yoshin Ryu Jiu Jitsu dazu.

Allerdings wurden viele Formen und Techniken im letzten Jahrhundert entschärft, um Karate auch gefahrlos an Schulen und größere Gruppen weitergeben zu können. Außerdem wurden viele Kata-Techniken, darunter vor allem Hebel und Würfe anders interpretiert, um bei der Verbreitung von Karate nicht in Konkurrenz mit Judo oder Aikido zu geraten. Da die ursprünglichen Karate Meister aus Okinawa ihr Wissen um die Katas jeweils nur wenigen ausgewählten Schülern (Uchi-Dechi) weitergegeben haben und auch kaum etwas aufgeschrieben haben, muss heute vieles rekonstruiert werden. 

Mittlerweile gibt es weltweit viele Karatekas, die sich damit beschäftigen aus den Katas die ursprünglichen Techniken zur Selbstverteidigung herauszuarbeiten. Im Karate wird dies als Bunkai bezeichnet. Bun bedeutet zerlegen, Kai bedeutet Erklärung. Und genau darum geht es in diesem Training: wir zerlegen die Kata Sequenzen und überprüfen und üben, inwiefern diese Techniken zur Selbstverteidigung geeignet sind. Viele der Techniken, die als Block oder Ritual gelehrt werden enthalten tatsächlich Wurftechniken (Nage Waza), Hebeltechniken (Kansetsu Waza bzw. Tuite) oder Schlagtechniken auf Vitalpunkte (Kyusho Jitsu). In den Schrittfolgen der Katas sind Ausweichbewegungen (Tai Sabaki) oder unterstützende Bewegungen für eine Reaktion auf einen Angriff enthalten, wobei es darum geht das Gleichgweicht (Hara) zu behalten und die Initiative (Sen) zu übernehmen.

"Kumite no Kokoro e – ein Block ist ein Angriff und ein Angriff ist ein Block"

Beim Karate sind Verteidigung und Gegenangriff als Reaktion auf einen Angriff das gleiche. Im Wado-Ryu wird dabei besonderer Wert auf Sanmi Ittai gelegt. Das steht für den Dreiklang Ten-iTen-tai und Ten-gi. In jeder Form steckt gleichzeitig eine Positionsänderung, eine Ausweichbewegung und eine Angriffstechnik. So kompliziert diese Bewegungen machmal aussehen – oft sind es einfach nur reflexartige Reaktionen auf einen unerwarteten Angriff, wie es auch in den Combatives unterrichtet wird. Aber aus dem Reflex heraus wird im Training eine Technik entwickelt und geübt, die dazu dient einen Kampf schnellstmöglich zu beenden. 

Bei diesem Training handelt es sich nicht um einen Selbstverteidiungsschnellkurs! Denn sich in einem Kampf effektiv zu behaupten kann niemand an zehn Trainingsabenden lernen. Auch benötigt das treffen von Vitalpunkten einige Übung – aber keine Angst, auch wenn man in einem hektischen Kampf nicht exakt trifft, ist es dennoch effektiv. 

In diesem Sinne trainieren wir möglichst echte Kampfsituationen mit dem Hintergrundwissen aus dem Karate. Dies sind in erster Linie Reaktionen auf bewaffnete und unbewaffnete Angriffe oder auf Würgegriffe. Aber auch Strategien zur Kampfvermeidung gehören dazu! Denn bei der Selbstverteidigung geht es nicht darum einen Kampf zu gewinnen, sondern darum möglichst wenig zu verlieren. Daher ist es am besten zu lernen, wie man brenzlige Situationen im Vorfeld erkennt, ihnen aus dem Weg geht oder sie mit passenden Worten entschärfen kann. Zu wissen, dass man sich in letzter Instanz effektiv zur Wehr setzen kann, ist dabei sehr beruhigend. 

Nur wer kämpfen kann ist in der Lage die freie Entscheidung zu treffen einen Kampf auch zu vermeiden!

Für wen ist das Training geeignet?

Kenntnisse im Karate sind natürlich von Vorteil und erleichtern die Übungen. Bei der Ausführung kommt es aber nicht in erster Linie auf die Form von Techniken und Ständen an, sondern auf die Wirksamkeit in einer Kampfsituation. Auch wenn viele Erläuterungen und Begriffe fremd klingen mögen, kann jeder die Techniken üben und zur Selbstverteidigung anwenden. Es ist kein typischer Selbstverteidigungs-Schnellkurs, da wir der Meinung sind, dass nur regelmäßiges Training in einer echten Notsituation helfen kann. 

Wir trainieren auch nicht im Karate-Gi (Karate-Anzug), sondern in normaler Sportbekleidung: eine lange Jogging-Hose, Hallenturnschuhe und ein T-Shirt oder Pullover sind absolut ausreichend. Nimm nicht Deine besten Kleidungsstücke, denn es wird auch mal daran gerissen. Es gibt es in diesem Kurs auch keine Begrüßungszeremonien, wie in den anderen Karate-Unterrichtseinheiten und natürlich auch keine Prüfungen oder Turniere. Dennoch ist das Hintergrundwissen zur Selbstverteidigung eine große Bereicherung für das Karatetraining. 

Wann und wo findet das Training statt?

Das Training findet jeden Montag um 19:30 Uhr in der Sporthalle der Richard-Voßgerau Halle statt. Wenn Du Interesse hast, schau einfach mal auf ein kostenloses Probetraining vorbei oder schau auf unsere Trainingszeiten – vielleicht findest Du da ja noch andere Kurse, die Dich interessieren würden. 

Die Trainer – Katrin und Sven Brencher

Katrin und Sven sind bereits seit über 30 Jahren Mitglieder im Fuji-Yama und haben sich dort sogar kennengelernt. Ende der 90er folgte eine längere Trainingspause. Erst durch ihre Kinder Luke und Leon haben sie das Karate-Training wieder für sich entdeckt und dann 2018 auch zusammen die Prüfung zum ersten Dan bestanden. Katrin ist im Verein als Frauenwartin tätig und Sven als Kassenwart und Schriftführer. 

Eckernförder Karate-Verein Fuji-Yama e.V. – 2018